Was, wenn die Zukunft ein kollektiver Entwurf ist?


Anna maria linder & heiko lietz

Inmitten von Unsicherheiten und Krisen wird deutlich, wie wichtig es ist, vielfältige Formen von Kollektivität neu zu entwickeln: im Zusammenfinden, in neuen Allianzen, in gemeinsamer Imagination. Das Jahresprogramm 2026 richtet deshalb den Blick auf künstlerische Positionen, die Hoffnung nicht behaupten, sondern herstellen – als Taktik, als Spiel, als Strategien des Widerstands. Mit soft powers widmet sich das Programm jenen Kräften, die entstehen, wenn Menschen zusammenfinden, in geteilten Erfahrungen, kleinen Gesten der Fürsorge und neuen Bündnissen. soft powers ist dabei nicht nur ein programmatischer Titel, sondern eine analytische und praktische Linse, die zeigt, wie künstlerische Praktiken in komplexen und unsicheren Kontexten Potenziale für Widerstand, Solidarität und gemeinschaftliche Gestaltung freisetzen können. Statt Ohnmacht rückt das Mögliche in den Fokus: Was, wenn die Zukunft ein kollektiver Entwurf ist?

Der Titel soft powers bezieht sich auf den politikwissenschaftlichen Begriff „Soft Power“, der von Joseph S. Nye geprägt wurde. Nye beschreibt damit die Fähigkeit eines Staates, andere nicht mit militärischer Gewalt („Hard Power“) oder wirtschaftlichem Druck zu beeinflussen, sondern durch kulturelle und politische Attraktivität – etwa durch Popkultur, Bildungssysteme oder politische Werte wie Demokratie und Menschenrechte (vgl.: Soft Power: The Means to Success in World Politics, 2004). Während Nye damit die subtilen Werkzeuge staatlicher Einflussnahme benennt, entzieht sich das Jahresprogramm der ursprünglichen Intentionalität und überträgt den Begriff stattdessen auf künstlerische Praktiken kollektiver Imagination jenseits staatlicher Interessen. Im Plural betont soft powers die Vielfalt solcher Kräfte, die in sozialen, kulturellen und künstlerischen Praktiken entstehen, in solidarischen Allianzen und im Austausch zwischen Generationen. soft powers bedeutet hier: Hoffnung als kollektive Praxis, Verletzlichkeit als Stärke, Verbindungen als Gegenmacht. Im Zentrum des Jahresprogramms stehen deshalb Netzwerke, die auf Vertrauen, gemeinsamem Wissen und kollektiver Kreativität basieren – fragil, adaptiv und widerständig zugleich. Die Ausstellungen untersuchen, wie Kunst als Medium der Verbindung fungiert. Sie schafft Räume für Kommunikation, für die Aushandlung von Zugehörigkeit, für die Entwicklung von Codes, die Gemeinschaft markieren, und für das Austesten von Handlungsspielräumen jenseits institutioneller Strukturen. Kunst wird so nicht als isoliertes Werk verstanden, sondern als ästhetische Praxis im Sozialen, die Beziehungen stiftet und kollektive Imagination hervorbringt.

Ein zentrales Moment nimmt dabei die Auseinandersetzung mit der Gewordenheit von Strukturen ein, die zur Grundlage für alternative Entwürfe und Perspektiven werden. Die Auseinandersetzung mit familiären und transgenerationalen Übertragungsstrukturen bildet etwa den Ausgangspunkt der Arbeiten von Julia Schulze Darup und Aslı Özdemir, die ihre künstlerischen Praktiken mit eigenen Erfahrungen verknüpfen. Während Schulze Darup sich mit genetischen Vererbungsweisen beschäftigt, reflektiert Özdemir soziale und habituelle Spezifika im Kontext intersektionaler Gesellschaftsbilder anhand ihres eigenen Familienarchivs. Einen wiederum anderen Zugriff auf Intergenerationalität bietet die Ausstellung von Nurgül Dursun, in der sie sowohl nach der Archivbildung durch Narrationen aus einer überindividueller Perspektive, als auch nach zwischenmenschlichen Bindungsweisen wie auch nach Bezügen und Verbindungen zur Welt fragt. Einen genaueren Blick auf Beziehungsweisen und insbesondere auf Narrative von Liebe und Zuneigung eröffnen die Gruppenausstellung der Gastkuratorin Clara Umbach sowie die Duo-Ausstellung von Franziska Opel und Daniel Fletcher. Mit der Frage, wie sich Ambivalenzen zwischen Zuneigung und Distanz, Faszination und Kritik in Bezug zu scheinbar unnahbaren Strukturen und Systemen entwickeln können, schließen Opel und Fletcher an ihre bisherige künstlerische Kooperation an. Auch Clara Umbach setzt ein bereits begonnenes Projekt fort: Anlässlich des Erscheinens ihres Debütromans ‘Pizza Orlando’ lädt sie zwei weitere Künstler:innen ein, um mit ihr an der Schnittstelle von Literatur und bildender Kunst zu den Themen lesbisches Storytelling, Flagging, Intimität und Öffentlichkeit zu arbeiten. Beide Projekte verbindet nicht nur ein thematischer Schwerpunkt, sondern auch eine Arbeitsweise, die isolierte Ansätze in relationale und sich verändernde Prozesse der Verhandlung übersetzt. Weiteren Aufschluss über mögliche hybride Formen der Verhandlung geben die Arbeiten von Nina Kuttler und Joëlle Mesén-Ramírez. Ihre Ausstellungen verbindet ein Vorgehen, das sich zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Erzählungen und Visualisierungen verortet und diese auf gesellschaftliche wie politische Realitäten bezieht. So nutzt Nina Kuttler spekulative Fiktion und forschungsbasierte Narration, um zu untersuchen, wie Naturwissenschaft und Geschichtsschreibung anthropozentrische Weltbilder prägen. Joëlle Mesén-Ramírez wiederum knüpft an ihre wissenschaftliche Tätigkeit in der Mikrobiologie an und entwickelt daraus eine postkoloniale Dekonstruktion sowie eine Befragung von Lebensrealitäten mehrfach marginalisierter Personen. Alle Positionen werden am Ende des Jahres im Rahmen der Jahresgaben zusammengeführt. Die Ausstellung der Jahresgaben gibt einen Überblick über die gezeigten Positionen und visualisiert das Netzwerk der Einzelpositionen anhand ausgewählter Arbeiten. 

Das Ausstellungsprogramm des Kunstverein Gastgarten e.V. umfasst insgesamt vier Einzelausstellungen und vier Gruppenausstellungen. Zu fünf ausgewählten Ausstellungen entstehen zudem Publikationen. Diese Hybride zwischen Ausstellungskatalog und Künstler*innenpublikation greifen das Jahresthema nicht nur formal auf, sondern ermöglichen die Sichtbarkeit und Auseinandersetzung mit den gezeigten Positionen über die Ausstellungsdauer hinaus. Begleitet wird das Rahmenprogramm durch verschiedene Veranstaltungen. Dazu gehören Formate wie Artist-Talks, Workshops oder gemeinsame Abendessen mit Lesungen.

Das Jahresprogramm 2026 soft powers versammelt künstlerische Positionen, die Kollektivität, Fürsorge und Widerstand neu verhandeln. Vier Einzel- und vier Gruppenausstellungen, Publikationen und ein vielfältiges Rahmenprogramm laden dazu ein, Kunst als soziale Praxis zu erleben.

→ jahresprogramm 2026